19. Oktober 2014: Erwachen oder das Frisbee und der Baum

Am gestrigen Sonntag habe ich es tatsächlich geschafft, am Vormittag meinen lange gehegten Plan, einem sogenannten ‚Service‘ , einem Gottesdienst der Berlin International Church im CinemaxX am Potsdamer Platz beizuwohnen, in die Tat umzusetzen. Nicht dass ich pünktlich gewesen wäre und als ich dort 10 Minuten nach Beginn erschien, wiesen mir etwa 5 verschiedene sympathisch lächelnde junge Menschen mit Namensschildern an Badgeholdern und der Aufschrift ‚Berlin International Church‘  um den Hals den Weg ins erste Stockwerk. Dort angekommen standen die nächsten freundlichen jungen Damen mit Dauerlächeln im Gesicht und ich merkte schon, dass mir das Procedere allmählich ein wenig suspekt erschien. Erst recht als sich die Tür zum Kino öffnete und ich beim Anblick der von knallbunten Farben untermalten Leinwand, auf er sich zusätzlich die Songtexte abrollten und der schallenden Musik aus den Lautsprechern das Gefühl hatte, in einer großen Disco mit überdimensionierter Lichtorgel gelandet zu sein.

Im Unterschied zu einem konservativen Gottesdienst in der Kirche wurde hier eines schnell klar: die Menge hatte Spaß und der Saal war randvoll und es kamen ständig neue Menschen dazu: Familien mit kleinen Kindern, Ehepaare, Singles, Menschen aller Art , Hautfarbe und Herkunft versammelten sich hier dem Motto der Kirche entsprechend und sangen zusammen – praising the Lord. Es war zumindest so anheimelnd, dass ich mich gern mitreißen ließ, was ja für den Moment der Sinn war. Dennoch hatte ich am Ende des ‚Service‘ und auch beim Anblick der Stände im Foyer im Anschluss schon  eher den Eindruck einer kommerziellen Veranstaltung mit Schleichwerbung für Führungsseminare und Eheberatungen – wenngleich das bei einer freien Kirche durchaus nachvollziehbar schien.

Kurz vor Ende des Service saß  zusammen mit dem vermeintlich selbsternannten Pfarrer ein Ehepaar aus Florida unten auf der Bühne vor der Leinwand, das seine Geschichte erzählte . Es wurden Fotos von ihrer Hochzeit von vor 25 Jahren eingeblendet. Dann erzählten sie ihre Geschichte: Wie sie nach zwei Jahren ausgebrochen war aus der Ehe und einen zunächst erfolgreichen Weg als Lehrerin eingeschlagen hatte und er, der sich nun ohne die Liebe seines Lebens erfolgreich aber unglücklich als Makler durchs Leben schlug. Irgendwann nach 11 Jahren fand auch sie zu Gott zurück und schrieb ihrem Ex einen Brief und schließlich kamen sie wieder zusammen und alles war wie bei Alice in Wonderland. Nicht nur, dass ich das Gefühl hatte, als sei ich in einer Oprah Winfrey Show – ich war später auch nicht überrascht, wessen Werbung mit Kursen für das Führen einer glücklichen Ehe an den Ständen auslag.

Bevor der Service gänzlich beendet war, gab es noch einmal Musik und es war wirklich mitreißend und freudig , als einer der Musiker – in einer anderen Kultur würde ich ihn einen Muezzin nennen können – die Anweisung ins Publikum rief, die Hand auf die Schulter unseres Nachbarn zu legen und laut auszurufen : ‚I am awakened‘.

Und nachdem wir das getan hatten,  kamen die Chorsänger der Reihe nach und liefen links von mir die Treppen hoch und jeder zweite gab mir die Hand und auch wir strahlten uns an und sagten uns einem Mantra gleich denselben Satz mit einem freundlichen Lachen. Für einen Moment glaubte ich es beinahe selbst, dass ich irgendwie erwacht sei. Halleluja!

Angesichts des wunderschönen frühlingshaften Herbsttages verließ ich rasch das Kino und fuhr mit meinem Rad in der Sonne durch den Tiergarten. Nachdem ich eine Runde gedreht hatte und feststellen musste, dass natürlich inzwischen auch andere das schöne Wetter nutzten, entschied ich, mir einen Platz an einem der großen Felsen beim Globalstone-Projekt zu sichern.

Es ist das Friedensprojekt eines russischen Bildhauers und ich hatte diesen Platz mit dem ersten dort abgestellten teilpolierten roten Felsen vor Jahren entdeckt. Jeder der polierten Felssteine stammt von einem anderen Kontinent und hat auf diesem noch einen entsprechenden Zwilling. Die Idee des Künstlers ist meines Wissens nach die, dass zur Mittsommernachtswende im Juni, wenn die Sonne an ihrem Zenit steht, sich die Sonnenstrahlen an den polierten Felsen auf allen Kontinenten reflektieren und am Himmel treffen und so für diesen Moment alle Kontinente und deren Lebewesen vereinen würden. Noch vor zwei Jahren konnte man den Künstler vor Ort beobachten, wie er die letzten Felsen aus dem Himalaya herangeschafft hatte und mit einer im Größenvergleich zwergenhaften Flex abschliff und polierte – einer Sisyphusarbeit gleichend.

Wie oft hatte ich dort mit Zora gesessen und erinnerte mich an die vielen Momente im Tiergarten mit ihr. Natürlich rollten mir widerwillig ein paar Tränen über die Wangen, doch ich war schnell wieder abgelenkt, als mein Sonnenbad durch einen mit starkem bayerischen Dialekt und lauter Stimme seine Söhne dirigierenden Mann empfindlich gestört wurde. Zunächst versuchte ich ,das Gequäke der Söhne und des Alten auszublenden und nahm blinzelnd einen bierbäuchigen Mann wahr und spulte im Kopf bereits Varianten durch, die Truppe irgendwie zu vergraulen. Doch dann entschied ich mich gegen weitere innere Aufregung und genoss müde mein wärmendes Sonnenbad und warf ab und an einen Blick in mein Freiexemplar der Morgenpost, das ich aus dem Kino mitgenommen hatte.

Schließlich schaute ich doch irgendwann wieder hinüber und beobachtete, wie der Mann ständig an irgendwelchen Ästen herumzog und schüttelte und irgendwas in den Baum hochrief, in dem offenbar einer seiner Söhne herumkraxelte.

Nach einer Weile gesellte sich eine bereits ergraute Radfahrerin dazu. Zunächst war für mich nicht ersichtlich, ob es sich um eine Verwandte oder Freundin des ‚Hauses‘ handelte und schnell verwarf ich meine Hoffnung, dass sie ihm anstatt meiner einmal klar machen würde, dass er nicht so sehr an den Ästen rumzerren und schon gar nicht dauernd ganze Äste abbrechen – auch wenn es die bereits abgestorbenen waren – sollte. Inzwischen hatte ich ausmachen können, dass sich irgendetwas im Baum verfangen hatte, das die Familie zu befreien suchte.

Die ältere Dame, die sich im Laufe der Episode tatsächlich nur als vorbeifahrende Radlerin entpuppte, sparte nicht mit guten Ratschlägen und bot schließlich dem größten der Jungs nach rascher gedanklicher Ausarbeitung einer Strategie ganz pragmatisch ihr Fahrrad als Räuberleiter an.

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Urplötzlich kam noch wie aus dem Nichts eine Frau mit schulterlangen dunklen Haaren und Sonnenbrille dazu. Sie hatte einen kleinen Hund dabei, Anna oder so ähnlich hieß die kleine Fußhupe und sah aus wie ein beinahe nackter Zwergpudel in beige. Die Frau mutete auf die Entfernung von etwa 15 Metern ein wenig wie Janis Joplin an, womöglich weil ihr Stirnband so ein Gefühl von Flowerpower in mir hervorrief. Mir war nicht klar, ob es sich um eine flippige Irre mit Tatendrang handelte und ob sie auch zufällig dazugekommen war. Sie rief irgendwas zu dem Jungen hoch, zog sich kurzerhand die Schuhe aus, kletterte ebenfalls laut ihre Tätigkeit kommentierend auf den Baum, während der beleibte Bayer von unten weiter seinem Sohn Kommandos zuschallte.

Inzwischen hatte ich aufgrund der vielen Beteiligten und doch recht lauten Gespräche heraushören können, dass es sich um ein Frisbee handelte, das sich in den Ästen verfangen hatte. Die dunkelhaarige mit der Sonnenbrille kreischte immer mal wieder, sie würde gleich abrutschen und  faselte etwas von möglicher Querschnittslähmung, kletterte jedoch weiter auf dem Baum herum, alle möglichen Gefahren laut aufzählend.

Entschlossen zog sie ihre Socken nun auch aus und warf diese nach unten. Mittendrin erinnerte sie sich einige Male an ihren Hund und dass sie sich um den ja auch noch kümmern müsste und ich fragte mich, wann der große Ast, auf dem jetzt alle herumkrabbelten, denn ob der Überlastung  abrechen würde -nicht dass ich es jemandem gewünscht hätte. Ich gehöre eher zu der Sorte Mensch, die Bäume beschützen möchte und einige Male nahe dran war, aus Sorge um den Baum die Polizei zu rufen. Ich überlegte mehr als einmal, ob ich nicht zu dem Mann rübergehen und ihm einfach den Weg zum nächsten Ampelmannladen zeigen sollte, in dem er ganz sicher ein neues Frisbee und ganz ohne körperliche Schäden oder solche am Baum hätte erwerben können.

Als noch zwei Väter um die dreißig dazukamen und mittlerweile 4 Menschen versuchten, das Frisbee zu befreien und noch weitere augenscheinlich Unbeteiligte ebenfalls stehenblieben und überlegten, wie zumindest mit Ratschlägen bei diesem Unterfangen  helfen könnten, erkannte ich auch in dieser Aktion wieder den Gemeinschaftssinn und musste lachen. Irgendwie war die Situation absurd und hatte dennoch verschiedene Menschen zusammengebracht und schließlich ja auch meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Mittendrin erhielt ich einen Anruf und musste diesen jedoch nach Schilderung der Ereignisse mehr oder weniger gleich wieder beenden, da das Frisbee-Rettungskommando unterm Baum nach inzwischen gefühlten 40 Minuten offenbar erfolgreich in Auflösung begriffen war und ich das Ende nicht verpassen wollte. Die kreischende Dunkelhaarige aus den Siebzigern gehörte offenbar zu dem Bayern dazu, denn zusammen verließen sie Frisbee in der Hand und der Pudel zwischen ihnen herumlaufend den Baum.

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Ich musste abermals schmunzeln über die Anstrengungen aller direkten und Fremdbeteiligten und auch über mich und meine unnütze Aufregung am Anfang. Gemeinschaft entsteht eben nicht erst in der Kirche, dachte ich bei mir und genoss noch einige Minuten die Sonnenstrahlen, bevor es vor spielwütigen Kindern und ihren Eltern an meinem Felsen wimmelte.

Er trug die Aufschrift ‚Erwachen‘ und stammt aus dem Uralgebirge.

28. September – Wann hört es auf so weh zu tun

Es ist Sonntag, die Marathonläufer sind bereits gestartet. Ich liege in meinem Bett und genieße die Sonne, die mir direkt ins Gesicht scheint und trinke Tee.

Irgendwann komme ich auf die Idee, meinen Ipod an die Lautsprecherkabel anzudocken und wähle eines meiner Lieblingsstücke von Mozart aus, gesungen von einer Sopranistin. Nicht, dass ich es nicht hätte ahnen können, denn die Musik berührt mich sehr viel tiefer als es irgend ein Mensch in meiner Umgebung zur Zeit überhaupt annähernd könnte. Und so öffnen sich die Schleusen und ich sehe wieder die Bilder vor mir: Vor zwei Jahren stand ich mit meiner Freundin und Zora auf dem Mittelstreifen am Yorckschlösschen und applaudierte den Marathonläufern, während ich immer wieder nach Zora sah und sie zwischen in die Hände klatschen und anfeuern mit Kastanien bespaßte. Seit ein paar Wochen liegen wieder überall die Kastanien auf den Wegen. Normalerweise liebe ich Kastanien und freu mich über diese kleinen braunen, nackten Kugeln, wenn sie wie frisch geschlüpft am Boden glänzend herumliegen. Doch seit Zoras Tod treiben mir alle Dinge, die ich auf der Straße so entdecke und mit denen sie gespielt hat, einfach nur die Tränen in die Augen und oft geh oder fahre ich rasch weiter und schüttle die Erinnerung ab.

Sie konnte das wirklich gut: egal wie es ihr ging, egal welches Wetter, egal welche Uhrzeit , sie fand immer etwas zum Spielen und machte aus allen Situationen wirklich das Beste. Es war ein ständiges Lernerlebnis für mich, zu staunen und mich zu freuen, wie sie eine von den türkischen Nüssen in der Gneisenaustraße am Baum fand und abwechselnd dieses kleine Gestrüpp und mich anblickte und auf mein ‚Ok‘ wartete. Wenn ich nicht zustimmte, blieb sie oft einfach stehen und bellte irgendwann fordernd meine Zustimmung ein, weil das einfach so war zwischen uns – das war das Spiel und es war schön, wir waren ein Team.

Zora hatte eine ganze Kastanien- und Walnusssammlung in meiner Wohnung. Wenn jemand zu Besuch kam, wusste sie, dass sie nicht bellen oder heulen sollte und das erste, was sie dann tat, war sich eine Walnuss oder eine Kastanie zu holen und wie eine heiße Kartoffel im Maul zu behalten und ein halb verschlucktes ‚huuuuuuu‘ auszustoßen. Meine Freunde kannten das schon und oft, wenn sie schon zum Bellen oder Heulen anhob, fragte einer von uns: ‚Zora, wo ist die Nuss?‘ und schon begann sie hektisch zu suchen und war hin- und hergerissen zwischen begrüßen wollen und zunächst ihre einstudierte Vorbereitung mit der Nuss zu erledigen.

Auf dem Weg zum Park versteckte ich einige an Gebüschen oder in diesen hässlichen runden Blumenkübeln am Mehringdamm. Und sie erinnerte sich immer, wo sie waren, auch wenn ich manches Versteck schon längst vergessen hatte. Ich war immer verwundert, dass sie als Stadthund diese Urinstinkte trotzdem so verinnerlicht hatte.

Neulich war ich das erste Mal allein – ohne Hund – in der Hasenheide. Ich lief an dem Hundeauslauf vorbei, freute mich über die spielenden Vierbeiner, doch stellte wie immer fest, dass ich keinen Hund mehr möchte. Ich will nur Zora zurückhaben, merke ich dann in meinem kindlichen Gemüt, wie ich es empfinde und gehe weiter. Der Streichelzoo war eine schöne Ablenkung und ich blieb lange in der Sonne bei den Rehen sitzen, von denen einige sogar ganz handzahm waren und sich berühren ließen. Das hab ich sehr genossen.
Auf dem Rückweg fuhr ich dann allerdings noch übers Tempelhofer Feld, wo wir auch oft waren, um dem Kreuzberger Lärm einfach mal kurz zu entfliehen. Das war dann doch etwas zu viel an Selbstüberwindung, denn als ich am Minigolfplatz vorbeikam, sah ich sie wieder dort lang trotten und schon wieder musste ich heulen.

Dieser Hund war überall mit mir, egal wohin ich ging, ob zum Tango im Monbijoupark oder an den See oder einkaufen. Sie war einfach überall und stets bei mir. In diesen Momenten wie heute morgen, wo ich diese Musik höre und mir die Szenen ihrer letzten paar Stunden wieder in den Sinn kommen und ich so bitterlich weinen muss, denke ich manchmal, ich halte diesen Schmerz nicht aus. Inzwischen hab ich aber begriffen, dass es einfach zu meiner Trauer dazu gehört und erinnere mich in diesen wirklich kaum erträglichen Momenten, wenn es gar nicht aufhören will, dass es irgendwann immer vorbeigeht und ich mich wieder besser fühle und etwas anderes tun kann.

Trotzdem frag ich mich dann stets, wann hört es auf, so weh  zu tun?

Und dann schalte ich die Musik nach dem so berührenden Lied aus und steh auf, um den Marathonläufern zu winken und sie anzufeuern und davon berührt zu sein, wie sie diesen langen, anstrengenden Weg meistern. Und mich dann wieder zu freuen, dass ich Zora hatte und so wie die Läufer weitermache – trotz alledem.

13.Juli The Last Journey Epilog und Ausblick

Beinahe 8 Wochen bin ich nun wieder in Berlin und inzwischen ist so viel passiert, dass ich darüber schon wieder ein Taschenbuch schreiben könnte.

Nach meiner Rückkehr nach Hause und in mein Leben feierte ich zunächst in Gesellschaft lieber Menschen und guter Freunde meinen Geburtstag. Es waren auch Freunde vom Tango da, so dass ich einen Geburtstags-Vals bekam, das ist ein Tangowalzer, der im Wechsel mit verschiedenen Personen getanzt wird und da ich beide Rollen tanze und auch einige meiner anwesenden FreundInnen, war es herrlich auf Socken durch mein Wohnzimmer zu stolpern und nach gefühlter Ewigkeit wieder in Berlin Tango zu tanzen. Es war sehr schön, wir blieben zum Teil noch bis fast Mitternacht beisammen und ich fühlte mich sehr wohl und geborgen.

In den folgenden Tagen zurück im Büro, aus dem bereits zwei meiner lieben Kolleginnen verschwunden und zwei neue Kollegen hinzugekommen waren, wurde es relativ schnell schwierig mit meiner Chefin. Es war klar, dass ich allein aus dem alten Team kaum zurückbleiben wollen würde-doch was würde ich dann tun? In der folgenden Woche ging dann alles innerhalb kürzester Zeit sehr schnell, die neue Kollegin war eine Freundin von meiner Chefin und hatte wilde Gerüchte über mich und meine noch bis Ende des Monats verbleibende Kollegin erzählt. Meine Kollegin hatte mich am Wochenende schon per SMS gewarnt, aber das hatte ich bis zum Anfang der Woche bereits wieder vergessen und so überrollte mich die cholerische Lawine und ich ließ Tiraden über mich ergehen und im Grunde alles nur, weil ich in der vorangegangenen Woche die richtige falsche Frage gestellt hatte, nämlich ob meine Chefin neben all ihren Verschwörungstheorien einfach mal die Kolleginnen gefragt hätte, warum sie denn aufgehört hatten. Mit dieser Frage hatte ich in ein Wespennest gestochen und das Ergebnis war eine höchst unprofessionelle Parade wüster Beschimpfungen und persönlicher Beleidigungen, die bis zum Themas von Zoras Tod führten.Als sie mich damit an wiederum meinem wundesten Punkt hatte und mir die Tränen liefen, brach sie jedoch nicht ab, sondern quälte mich weiter damit, bis ich um eine kurze Unterbrechung bat. Als sie mir dann noch hinterherkam und ihren Arm um meine Schulter legen wollte, blieb ich beherrscht aber bestimmt und schob sie energisch von mir weg.
Der Rest ist Geschichte. Ich blieb den Tag noch dort und arbeitete meine Stunden ab und da ich ohnehin schon angeschlagen war, blieb ich am nächsten Tag zuhause und hatte klar, dass das mein letzter Tag dort gewesen war. Inzwischen habe ich gekündigt und es steht nur noch der Termin beim Arbeitsgericht aus im August, da ich als einzige Mitarbeiterin kein Gehalt bekommen habe – bis heute nicht. Mir geht es gut mit dieser Entscheidung.

In den Tagen nach meinem Geburtstag begann ich, in ein tiefes Schwarz der Trauer einzutauchen. Die Decken von Zora hatte ich notdürftig zusammengerollt und zu meinem Geburtstag hinter einem Vorhang versteckt. Die Leinen hingen alle noch an der Tür, ihre Halsbänder, die Spikes für meine Winterspaziergänge mit ihr. Ihre Edelstahlnäpfe dienten als Wasserreservoir für meine Blumen. Glücklicherweise hatte ich in meiner Geistesgegenwart vor meiner Abreise meine Küchentür mit meinem Nachbarn wieder eingehängt, so dass mir der Blick auf den fehlenden Wassernapf erspart blieb. Dennoch diese Leere und Stille hier ganz allein in meiner Wohnung, die ich so liebe, kamen mir erdrückend vor. Ich tat schöne Dinge tagsüber, traf Freunde, hatte Besuch, doch am Morgen und vor dem Einschlafen immer derselbe Gedanke an Zora. Manchmal war sie da, manchmal sah ich sie vor meinem inneren Auge, wie sie ans Bett kam und mich begrüßte, wie sie mich mit ihrer feuchten Nase anstupste, zu mir rübersah, wenn ich traurig war oder weinte. Wie sie einfach nur da war, lebendig und mit ihrem kuschlig glänzenden Fell, in das ich so oft meine Nase vergrub, wenn ich sie streichelte und ihr für ihr Da-Sein dankte. Sie fehlt mir unendlich und wenn ich all das grad aufschreibe, steht mir das Wasser in den Augen und Tränen laufen warm und weich über meine Wangen
Inzwischen ist die Trauer überdeckt mit vielen neuen Ereignissen und Begebenheiten. Doch in meinen stillen Momenten, in denen ich ganz mit und bei mir bin, da ist sie wieder da und ich könnte zum Himmel schreien, weil sie nicht mehr da ist und weil es so sehr wehtut, dass ich es nicht beschreiben kann. Ich habe keine Erinnerung, jemals so um einen Verlust getrauert zu haben. Der Schmerz sitzt so tief in meinem Herzen und bleibt meist mein großes Geheimnis, wenn ich meine inneren Gärten verlasse und wieder in der Öffentlichkeit bin, Menschen anlächle, mich über jedes Leben freue – nur Hunde berühren mich hier so beinahe gar nicht mehr. Ich gehe kaum auf sie zu – ich habe eine seltsame Distanz zu ihnen. Kürzlich bin ich nach München geflüchtet in die luxuriöse Wohnung einer Freundin, um ihren Kater zu hüten, der immer morgens vorsichtig zu mir ins Bett kam und sich ankuschelte.Er ist so klein und zart und sehr bezogen und dennoch so unglaublich unabhängig. Es war sehr schön mit ihm auf der Terrasse zu sitzen und er hörte sehr auf seinen Namen und verstand sehr viel. Aber wenn es ans Weinen ging, konnte er sagenhaft unbeteiligt, ja geradezu ignorant bleiben. Ich habe das Gefühl, Katzen können sich besser abgrenzen, davon könnte ich noch gut etwas lernen, dachte ich so bei mir.-Tiere an sich sind für mich eine Bereicherung und ich habe viel gelernt in den Jahren mit Zora. Seit sie nicht mehr da ist, muss ich viel mehr auf meine Wahrnehmung vertrauen, auf mein intuitives Gespür,auch das empfinde ich als Geschenk, eine verschüttete Qualität in mir wieder zu entdecken.

Ich versuche, allem was ich erlebe, etwas positives abzugewinnen und ich muss mich dabei nicht einmal anstrengen. Ich sehe Hinweise,die mir das Leben schickt, Aufgaben, die ich bewältigen muss.
Ich lebe – obwohl das einzig beständig Gute an Liebe, das mir je widerfahren ist in meinem Leben fort ist und mir dieses Geschenk Leben mit anderen Augen zu betrachten hinterlassen hat. Darüber bin ich glücklich und sehr dankbar und auch für all die Menschen, die mir begegnet sind und über die, die neu hinzugekommen oder durch Zoras Tod wieder zu mir zurückgekehrt sind.

Seitdem und seit meiner Reise nach England habe ich eine unglaubliche Stärke und ein Selbstvertrauen entwickelt, wie ich es bisher nur in Ausnahmesituationen erfahren habe. Ich gehe meinen Weg ohne zu wissen, wohin er mich führen wird, jedoch in einem sehr viel größeren Vertrauen in mich und das Leben. Das ist das Schöne, das geblieben ist und die Zwiesprache mit Zora und diese Momente mit ihr werden mich immer begleiten.
In unserem Haus haben wir Zuwachs bekommen, der kleine Milo ist ein kleiner weggeworfener Kater und wie mir meine Nachbarin sagte, ist er etwa um den 28. und 30.April geboren, also nur sehr kurz nach Zoras Tod…..

Danke!

24. Mai The Last Journey Long way home

Und wieder wache ich nach einer sehr kurzen Nacht gerädert auf. Nach dem Aufstehen geht es meist etwas besser, dann kann ich die schweren Gedanken, die mir jetzt täglich noch stärker seit dem Beginn meiner Rückreise als erstes in den Sinn kommen, besser verdrängen.
Leise geh ich ins Bad und dusche als erstes und versuche Dominique nicht zu wecken, der mich bat, ihm in jedem Fall goodbye zu sagen, bevor ich fahre.
Am Abend zuvor hatte ich gottseidank schon alles vorbereitet an Verpflegung für die Fahrt und ich bin froh darum und auch dass Dominique noch schläft,da ich morgens auch immer eine Weile brauche, um richtig in die Gänge zu kommen und jede weitere Person meine Aufmerksamkeit unweigerlich von mir abzieht und ich stets fahrig werde. Kaum hab ich meinen Tee aufgegossen, höre ich ihn doch von oben herunterkommen und dann steht er ein freundliches ‚Good Morning‘ ausstoßend in Unterwäsche in der Küche. So distanzlos wie am gestrigen Morgen und als seien wir alte Freunde. Ich bin ganz offen für einen lockeren Umgang, doch frage ich mich jedesmal, wieso gerade Männer in meiner Gegenwart stets so ein Kumpelverhalten an den Tag legen, auch wenn sie mich wenig kennen.
Natürlich verliere ich meine Konzentration,weil ich mich mit ihm unterhalte und dann hektisch werde, weil ich vor 9.30h im Auto sitzen möchte – an Samstagen wird erst etwas später bestraft,wer falsch parkt.
Draußen regnet es in Strömen und Dominique sagt, das sei immer so in London, daher seien hier so viele Menschen depressiv,weil ihnen das Wetter so zu schaffen macht.
Schließlich ist es so weit und ich muss mich jetzt doch ein wenig beeilen und Dominique kommt zwar – inzwischen etwas bekleideter- mit bis an die Haustür unten doch drückt mir dann alles in die Hand ohne mir wenigstens die Vorgartentür zu öffnen, ganz offensichtlich weil er nicht nass werden möchte. Ich gebe ihm ein herzliches Dankeschön und eine flüchtige Tangoverabschiedung, die der üblichen französischen übrigens sehr ähnelt – bisou bisou gehaucht neben die die rechte und die linke Wange und geh zum Wagen, der gleich gegenüber parkt. Ich bin noch am Einladen, als Dominique mich in der Haustür stehend ruft und mir meine Tangokleidung auf meinem mitgebrachten Bügel entgegenwedelt. Mon dieu, beinahe hätte ich diese am Schrank vergessen, wo ich sie am Abend zuvor angehängt hatte.
Dann geht es wirklich los und ich habe wieder das Gefühl, es dauert Stunden, bis ich die Stadt hinter mir lassen kann.Ich muss einen großen Bogen fahren mit allen anderen, die von auswärts kommen, denn im inneren Kreis befindet sich Central London und das ist die sogenannte ‚charging zone‘, die mit Kamera überwacht wird und die mir fehlende Gebührenplakette einscannt beim Durchfahren der Stadt. Nachdem ich dann wirklich beinahe alle Umfahrungen hinter mir gelassen habe, entdecke ich unter dem Warnschild ‚charging zone‘ eine Beschränkung auf Montag-Freitag und bin nicht sicher, ob ich mich jetzt ärgern soll, weil ich womöglich doch mitten durch die Stadt hätte fahren können – auch ohne Strafzettel.
Schließlich erreiche ich endlich die Schnellstraße und dann eine Autobahn und dann geht es etwas schneller in Richtung Dover, das eigentlich nur gut 120km entfernt liegt, doch durch den Verkehr und die weite Ausdehnung Londons doch wesentlich aufwändiger und zeitintensiver zu erreichen ist als man es zunächst erwarten kann.
Auf der Autobahn höre ich wie beinahe die ganze Zeit in England BBC 2 und die alten Hits aus meiner Kindheit und Jugend begleiten mich wieder auf meiner inzwischen sich wieder sehr einsam anfühlenden Rückreise. Immer wieder sehe ich in Abständen einiger Kilometer eine Leuchtanzeige mit dem Hinweis auf ‚congestion after exit A236 und ich werde etwas unruhig, weil das womöglich auf meiner Strecke liegt. Auf einer der letzten Raststätten halte ich an und versuche herauszufinden,was es damit auf sich hat. Ich höre am Rande noch eine Verkehrsdurchsage im Radio mit Hinweis auf einen Stau irgendwo Folkestone/Dover und suche auf dem Parkplatz fieberhaft nach meiner Straßenkarte vom ADAC. Schließlich probiere ich das freie WLAN mit dem Handy aus und finde aber weder die passende Ausfahrt zur Meldung noch etwas auf der Karte und so frage ich den Tankwart, der zwar aus der Gegend um Dover kommt, doch außer dass es keinen anderen Weg zur Fähre gibt als den über die Autobahn, kann er mir nicht weiterhelfen. Also fahre ich weiter auf der Autobahn in der sicheren Annahme, als ich Folkestone passiert habe und die Autobahn jeden Moment endet und mich nach Dover zur Fähre führt, dass alle Stauwarnungen sich erübrigt hätten. Als ich nach Dover komme, sehe ich das Dilemma: Autoschlangen und kein Vorwärtskommen. Ich kann die Fähren schon sehen, es ist 12.15h und der Check In für meine Fähre ist um 13.00h. Fluchend stoße ich Hilfegesuche ins Universum aus und versichere, dass ich wirklich diese Fähre bekommen möchte. Ich erinnere mich an die Abfahrt aus Cornwall bei Chris, als mir die rote Kiste mit Zoras Asche aus der Hand auf den Boden krachte doch glücklicherweise heil blieb bis auf eine eingedrückte Ecke. Waren das auch alles Hinweise, lieber nicht nach Hause zu fahren? Doch das war mir jetzt egal, ich wollte die verdammte Fähre jetzt erreichen und abends irgendwo ankommen und meinen Geburtstag zuhause feiern – basta!
Ich schnappe mir also die Fährunterlagen und rufe die Nummer an, die preiswerter sein soll und erkundige mich bei der Dame, was passiert,wenn ich den Stau nicht rechtzeitig hinter mich bringen kann. Und sie bietet mir die spätere Fähre, die ich ja umgebucht hatte, um 16.40h an. Doch sie würde nichts unternehmen bis ich die eigentliche Fähre um 13.30h wirklich nicht geschafft haben sollte.
Stück für Stück geht es im Viertelstundentakt weiter und ich fluche, bin verzweifelt und beruhige mich dann irgendwann, als ich schließlich um 12.56h am Counter einchecken kann und schließlich auf der Fähre bin.
Es ist im Vergleich zur Hinfahrt wesentlich voller: Unzählige deutsche Familien mit schreienden, manchmal quietschenden Kindern, eilen an mir vorbei auf die oberen beiden Decks und ich suche nach einem Platz für mich, an dem ich noch ein wenig schreiben kann und etwas Ruhe finde. Der Fensterplatz neben den Rettungsbooten ist frei und so setze ich mich in einen Clubsessel, hole mir einen Tee und vergeude wiederholt wie bei der Hinfahrt kostbare Minuten mit dem Einloggen ins bordeigene WLAN, das in Anbetracht der inzwischen zunehmend unruhigen und regnerischen Wetterlage immer wieder auszufallen scheint und ärgere mich über dieses unnütze Bemühen. Überhaupt und das ist sicher unschwer zu erkennen, bin ich nicht bester Stimmung-wenngleich meine Fahrt kaum dass ich den östlichen Rand Londons erreicht hatte wieder in einen klaren blauen Himmel mündete und ich von strahlendem Sonnenschein begleitet wurde. Jetzt auf der Fähre war Deutschland wieder ein Stückchen näher gerückt und ich merkte, dass mir allein die Sprache schon Unwohlsein bereitete. Urlaubsblues nennt man das, hatte mir ein Freund noch kurz vor meiner Abreise geschrieben, ja da war etwas dran und ich hoffte, dass es nur bei diesem Blues bleiben würde.
Die französische Küste nähert sich und die Sonne scheint wieder und so eile ich an Deck, um noch einige Fotos zu schießen. Als ich danach zur Treppe nach unten gehe, bemerke ich das erste Mal, wie viele Menschen tatsächlich an Bord sind und habe eine winzige Ahnung, wie es sich auf der Titanic mit diesen Menschenmassen und der ausbrechenden Hysterie angefühlt haben könnte, als diese auf einen Eisberg lief. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Fähre dagegen eine kleine Nussschale darstellt und der Vergleich absolut albern scheint, dennoch bin ich überrascht, wie wenig von meinen ursprünglichen klaustrophobischen Ängsten noch übrig geblieben scheinen oder befand ich mich noch immer in Schockstarre?
Ein Ruck und die Menge gerät in Bewegung und Schritt für Schritt kommen wir auf die verschiedenen unteren Decks und zu unseren Autos. Ich bin noch immer froh, den Zuschlag für das schnellere Befahren und Verlassen der Fähre gezahlt zu haben,denn so brauche ich nicht allzu lange warten, bis ich das Schiff verlassen kann. Vor mir steht ein Kombi aus Offenbach, der den Motor bereits anlässt, als die Brücke noch nicht einmal herabgelassen wurde und noch bevor ich aussteigen und ihn ansprechen kann, hat er den Motor wieder abgestellt.
Als ich den Fährhafen hinter mir gelassen habe, fällt es mir viel schwerer, mich wieder an den Rechstverkehr als hinwärts an den Linksverkehr zu gewöhnen und an einigen Stellen muss ich mir des öfteren laut aufsagen, wo ich fahren muss.
Ziemlich schnell erreiche ich dann doch Belgien und Deutschland und da ich keine Mitfahrer habe und auf dem Hinweg nach Cornwall mit der Geschwindigkeitsbeschränkung auf 110kmh so schön wenig Benzin verbraucht habe, beschließe ich, diesen reduzierten Fahrstil weiter beizubehalten. Für einige Kilometer drehe ich den Motor dann doch bis auf 190/20kmh, um die Ventile durchzupusten, doch das ist wahnsinnig anstrengend und ich entschleunige wieder und bleibe bei entspannenden 100-110kmh. Die Übernachtung ist noch nicht ganz geklärt, eigentlich sollte es Bonn werden, da bekam ich kurzfristig eine Absage und dann eine Zusage von der Eiffel, die dann aber doch irgendwie auch nicht das richtige schien, da ich mich tatsächlich nur sehr kurz aufgehalten hätte und man kaum ein Wort hätte wechseln können, um die nötigen alten Themen vom Tisch wischen zu können, also entschied ich mich etwas frustriert fürs Hotel, als mich plötzlich doch noch eine Zusage für Bonn erreichte und ich erleichtert in weiteren 45 Minuten gegen 21.00h meine freundliche Herberge bei einer guten Freundin erreichte. Es war schön, eine Freundin zu treffen und wir hatten uns auch lange nicht gesehen und so plauderten wir noch bis kurz vor Mitternacht auf ihrer Terrasse und gingen dann gelöst zu Bett.
Am Morgen fühle ich mich besser als an den anderen Tagen, was vielleicht daran liegt, dass ich am Vorabend beim Erzählen der letzten Atemzüge von Zora so sehr weinen musste, dass ich womöglich etwas von meiner Schwere loslassen konnte.
Wir frühstücken noch gemeinsam auf der Terrasse und ich versichere abermals, wie schön ich es bei meiner Freundin finde und dann wird es auch schon Zeit für die weitere Reise nach Berlin und so fahre ich gegen 10.30h los und erreiche nach 4 kurzen Pausen und mit allen sich wiederholenden Aufs und Abs gegen 16.30h Berlin. Dort werde ich von der besten Freundin von allen zusammen mit ihrem Freund herzlich in Empfang genommen und bin so erleichtert darüber, dass ich schon vor meiner Ankunft bei der Fahrt durch die Straßen vor Freude weinen muss. Wir setzen uns noch ins Cafe Atlantic bei mir im Haus zu den beiden Betreibern und ich erzähle munter und frei von der Rückfahrt und einigen witzigen Erlebnissen und bin wieder in meiner Rolle als unterhaltsame und witzige Person zuhause, wie es scheint.
Wir tragen noch mein Gepäck gemeinsam nach oben und gehen etwas essen und dann verabschieden wir uns und ich gehe allein zurück in meine Wohnung. Und um der nun drohenden Einsamkeit und dem erneuten Schmerz zu entkommen, flüchte ich ins Auspacken und Aufräumen und Wäsche waschen, ins geschäftige Treiben, das mich stets und ständig am Laufen ja oft eigentlich am Leben hält und falle gegen Mitternacht erschöpft ins Bett.

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23. Mai The Last Journey London calling

Am Morgen erwache ich von erneuten Alpträumen geplagt und von Dominiques Gepolter im benachbarten Badezimmer. Wenige Minuten später klopft er an die Tür und kaum dass ich mich rege, steht er auch schon in der Tür und ich fühl mich alles andere als ansehnlich ohne Morgentoilette.
Dominique, der im Übrigen mit viel Wohlwollen allerhöchstens 1,70m misst , kenne ihn praktisch nicht und da ist es mir zu intim, wenn er mich noch im Schlafkostüm und so direkt nach dem Aufwachen sieht. Dann fragt er mich gut gelaunt, ob ich einen Tee möchte und da ich ein umständliches Frühstücksprocedere vollziehe, umgehe ich mit dem Hinweis, dass ich kurz ins Bad müsste und danach zu ihm in die Küche käme, eine klare Antwort. Zu viele Erklärungen!
Wir treffen uns also in der Küche und nachdem ich meine für andere eher umständlichen Frühstücksgewohnheiten erledigt habe, erinnert mich Dominique, dass ich mein Auto um 9.00h aus der Anwohnerparkzone entfernt haben muss. Er ist heut viel freundlicher als gestern und wieder eher so, wie ich ihn beim Tango kennengelernt habe -eher charmant und französisch. Als ich gestern eintraf, hatte ich buchstäblich das Gefühl, er müsse besonders maskulin auftreten und das hat mich etwas irritiert. Nach meiner Erfahrung lernt man Menschen oft erst richtig in ihrer eigenen Umgebung kennen Bei Dominique ist es nur das Auftreten, die Wohnung zeigt mir im Grunde nur, dass er hier nicht wirklich zuhause ist, denn es fühlt sich leer und kalt an.
Wir plaudern und plaudern und irgendwann erhält er einen Anruf und legt etwas entnervt auf, während er sich über die unterschiedlichen Geschäftsgebaren verschiedener Länder amüsiert. Außer in England würde nirgendwo ein Geschäftspartner so kurzfristig einen Termin absagen. Er erinnert mich an die Uhrzeit und statt dessen ich einfach schnell ungewaschen rausgehe und den Wagen wegfahre, trödel ich noch im Bad herum und komme um fünf Minuten verspätet am Auto an, als ich schon einen uniformierten Mann an meinem Auto stehen und irgendwelche Notizen machen sehe. Ich rufe laut ‚Hello!‘ und nocheinmal ‚Hello‘ , dann hebt er den Kopf. Es ist ein älterer Mann mit Brille, der etwas zerknautscht aussieht und maulfaul scheint, denn er reagiert nicht. Ich sehe die kleine Plastiktüte unter meinem Scheibenwischer und deute auf seine Armbanduhr und frage ihn, wie spät es ist und er schaut drauf und sagt: 9.05h und ich halte ihm die kleine gelbe Tüte entgegen und frage ihn, was das soll, ich wäre nur fünf Minuten zu spät und was ich jetzt damit machen soll und er nimmt mir die Tüte ab und holt einen langen Zettel heraus und ich frage ihn, was ich damit machen soll und ob das wirklich sein Ernst sei. Und er erzählt mir etwas von einer Frist und nuschelt dann etwas in seinen Bart. Als ich den Betrag von 130£ höre, flippe ich aus und werde etwas lauter und frage ihn nochmal, ob das wirklich nötig war und ob das der übliche Umgang mit Touristen sei. Und ihm fällt gar nichts ein und dann sagt er ärgerlich, ‚This is the UK!‘ und ich sitze schon im Auto und fahre den Wagen weg.
Ich fahre im Kreis und finde keinen Parkplatz mit Parkuhr; eigentlich hatte ich vor, schon fertig vorbereitet zu sein und den Wagen nach Plumstead zum Haus meiner Gastgeberin Tricia zu bringen weil dort keine Parkgebühren anfallen und er außerdem sicher steht. Und jetzt der ganze Ärger, weil ich mit Dominique geplaudert habe statt mich vorzubereiten. Am liebsten würde ich sofort meine Sachen packen und abreisen, ich bin ohnehin nicht in Sight-Seeing Laune und meine Stimmung ist einfach mit jedem Kilometer näher an Berlin weiter in den Keller gesunken. Ich fühle mich nicht nur deprimiert und verzweifelt, sondern auch halt- und ziellos. Es ist, als würde ich einer unbekannten Mission folgen und einfach mechanisch alle notwendigen Arbeiten und Details bewältigen, um an das Ziel mit unbekanntem Namen zu gelangen und ohne zu ahnen, was ich dort soll und wohin es mich zieht. Alles scheint mir in den letzten zwei Tagen fremdgesteuert zu sein, ich fühle mich nicht bei mir, ich stehe neben mir.
Nachdem ich eine Weile im Kreis gefahren bin, finde ich einen Parkplatz an einem Eingang des Hampstead Heath, dem großen Park gleich eine Minute von meinem vorübergehenden Domizil entfern. Parken ist dort erlaubt von 10-12.0h, die maximale Parkdauer beträgt 1,5 Stunden. Es ist 9.30h und der Parkschein gilt bis 11.30h und ich laufe durch den Park und nehme mein Navi mit, da ich nicht ganz sicher bin, ob ich tatsächlich auf der anderen Seite wieder bei Dominique ankommen werde. Das Navi hat natürlich plötzlich kein Signal mehr und mein Handy kann sich hier nicht ins Netz einloggen. Als der Weg durch den Park immer länger zu werden droht und ich an einen Abzweig gelange, wo ich gefühlt lieber nach links über eine kleine Brücke gehen würde, frage ich vorsichtshalber eine junge Mutter nach der Agincourt Road und tatsächlich war mein Instinkt richtig und ich muss über die Brücke gehen und dann bin ich nach ein paar Minuten auch schon da. Vorher treffe ich jedoch noch so einen Ordnungshüter, der Strafzettel verteilt und ich frage ihn ganz freundlich, ob er mir das mit dem Strafzettel erklären könne. Und wir kommen gleich etwas länger ins Gespräch, als ich ihm sage, dass wir nicht solche teuren Strafzettel in Berlin bekommen, wenn wir falsch parken, das müsste dann schon eine Feuerwehreinfahrt sein. Beim Stichwort Berlin leuchten seine Augen und wieder habe ich eine Eintrittskarte zu einem freundlichen und vor allem respektvollen Lächeln bekommen, als wäre ich Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. In solchen Momenten hätte ich dann gern Visitenkarten, um so jemanden einfach einzuladen, mich zu besuchen, denn diese Art vermittelt mir stets den Eindruck, ich würde im New York Europas leben und dass das etwas besonderes sei, weshalb ich dann häufig das Bedürfnis habe, ihnen das echte Berlin einmal näher zu bringen – als Urberlinerin und eingesessene Kreuzbergerin, die noch zu Zeiten der Hausbesetzungen in den 1980ern hingezogen ist, fühle ich mich diesbezüglich äusserst kompetent.
Der Ordnungsmann ist wirklich sehr nett, lässt sich den Zettel zeigen und fragt, ob ich die Tüte noch hätte und ich schüttle den Kopf, woraufhin er mir eine neue gibt und erklärt, dass ich den Wagen nicht hätte umparken müssen. Ich soll ihn wieder in Agincourt Road abstellen, es gäbe heute keinen zweiten Strafzettel mehr, wenn ich diesen in der Tüte unter den Scheibenwischer klemmen würde. Ich müsste nur unbedingt in derselben Strasse parken. Außerdem erfahre ich, dass mein Strafzettel innerhalb von 14 Tagen bezahlt werden muss und dann nur 65£ kosten würde und das steigert meine Stimmung schon erheblich neben dem wirklich netten Gespräch.
Ich bedanke mich und geh erstmal zu Dominique zurück und mache mir einen neuen Tee und esse ein paar Brote, während ich ihm das Dilemma des Tages erzähle und er lacht und sagt, die Engländer seien die einzigen, die ein internationales europäisches Abkommen (angeblich als einziges EU-Land ) nicht unterzeichnet hätten, wonach Verkehrssünder über das Kennzeichen in deren jeweiligen Heimatländern strafrechtlich verfolgt werden würden. Seine Freunde aus Frankreich würden das nie bezahlen und es wäre noch nie etwas passiert. Ich bezweifle das zwar, aber sage nichts. Für mich sind das einige Stunden Arbeit, um so einen unnötigen Strafzettel zu bezahlen. Wir unterhalten uns noch eine Weile auch wegen der für den Abend anstehenden Milongas, zu denen er gehen wird und ob ich zu beiden mitkomme. Und ich weiss es einfach nicht, denn ich möchte in beide Tate Galerien gehen und habe keine Ahnung, wie kaputt ich am Abend sein werde. Und so beschließen wir, dass er mir eine Email schicken will mit der Adresse von der späteren Milonga und ich bin schon müde, wenn ich daran denke.
Nachdem ich den Wagen wieder in die Straße zurückgebracht habe, steige ich in den nächsten ankommenden Bus 24 und erinnere mich im letzten Augenblick daran, dass man hier ja den Bussen winken muss, damit sie anhalten. Die Route des Bus 24 ist so ähnlich wie unser Bus 100 oder der 200, der auch viele der Sehenswürdigkeiten in Berlin anfährt auf seiner Route. So kommen wir nochmal direkt Camden Town entlang, kreuze ich Trafalgar Square und sehe ein Stück vom Piccadilly Circus und steige kurz vor Pimlico aus und laufe zur Themse und gelange zur Tate Britain, der ursprünglichen Tate Gallery, bevor deren Ausstellungsgelände aufgrund des Umfangs der Sammlung auf ein weiteres Gebäude auf der anderen Seite der Themse hinter der South Bank ausgedehnt wurde.
Die Ausstellungen darin sind kostenfrei und das Gebäude schlicht umwerfend schön von innen wie außen. Ich genieße den Aufenthalt sehr und mache mich nach knapp zwei Stunden auf den Weg zur Tate Modern. Gleich gegenüber der Tate Britain ist eine Anlegestelle für eine Fähre die Themse entlang bis eben zur Tate Modern und obwohl ich die Überfahrt mit 6,80£ nicht billig finde, möchte ich mir dennoch diese Freude gönnen, einmal auf der Themse geschippert zu sein.
An der Tate Modern angekommen zu sein, strömen dort Menschenmassen am Ufer entlang, als wäre da ein Jahrmarkt beheimatet. Strassenkünstler versuchen ein paar Pfund zu verdienen mit Musik, akrobatischen Tänzen oder ausgefallenen Kostümen. Ich bin immer wieder überrascht, was für Ideen Menschen haben, um sich darzustellen und staune über jemanden in knallgelbem Roboteroutfit, der mir direkt aus der neueren Ausgabe des Raumschiff Enterprise entstiegen scheint.
Die Tate Modern ist übervoll mit Touristen, die Leute stapeln sich auf Sitzbänken, Schüler und Studenten scheinen in Bussen angereist und eilen emsigen Bienen gleich in kleinen Schwärmen um und im Gebäude herum und von Etage zu Etage und von Raum zu Raum zu den Kunstwerken und bestaunen diese scheinbar verständnislos wie Sehenswürdigkeiten, die man einmal sieht und dann weitergeht. Der Strom der Menschen riecht ein wenig nach Konsum und dabei gewesen sein, an anderen Stellen jedoch sitzen Menschen und scheinen tatsächlich auch die Atmosphäre zu genießen und das erinnert mich an die Stimmung bei der Reichstagsverhüllung von Christo.
Das Gebäude an sich wirkt auf mich in architektonischer Hinsicht wie eine Mischung aus den Deichtorhallen in Hamburg und der Eingangshalle des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Der Unterschied besteht zum einen in der Größe und zum anderen darin, dass man von jeder der oberen Ebenen durch verglaste Barrieren die unterste Ebene noch sehen kann und quasi stets geneigt ist, die untere Eingangshalle mit jeder höheren Etage aus der Vogelperspektive zu betrachten, was nicht nur mir gut zu gefallen scheint. Auf der obersten Ebene kann man gleichfalls nach draußen gehen und sich die Themse ansehen und sich am Anblick der gegenüberliegenden Uferkulisse erfreuen. Wenn man nach Osten blickt, wirkt diese tatsächlich ein wenig wie Kulisse und erinnert mich sehr an die für mich eher künstlich belebte Hafencity in Hamburg, die auf stets kühl und trostlos wirkt ebenso wie hier das Themsenufer zur meiner Rechten trotz der unvergleichbaren Menge an Menschen. Beinahe direkt am Ende der Fußgängerbrücke, die zur gegenüberliegenden Seite der Themse führt, befindet sich zwischen den modernen Häuserblöcken hindurch die St. Paul’s Cathedral , wie ich gleich beim Überqueren herausfinden werde und mich freue, nach so vielen Jahren einmal wieder hier zu stehen. Leider ist sie schon geschlossen, und ich bin übersättigt von den Menschenmengen und eile zur nächsten UBahn Station , um zurück nach Camden Town zu fahren und mich für den Tangoabend vorzubereiten.
Nach einigen Umwegen und einem Imbiss erreiche ich erschöpft das Domizil von Dominique, der gottlob schon unterwegs ist und mir wie besprochen eine Email mit den Koordinaten der möglichen Milonga geschickt hat, falls ich denn nicht zu erschöpft wäre. Obwohl ich tatsächlich viel zu müde bin, mache ich mich mit dem Bus auf den Weg ins La Negracha , der – wie ich später erfahre- größten Milonga der Stadt. Die südamerikanischen Männer am Eingang sind mir als unbekannter Besucherin gegenüber eher indifferent bis unfreundlich und der Eintritt mit 12£ macht mich bereits missmutig, auch wenn es zwei Tanzflächen gibt, auf denen ich kaum gute Tänzer entdecken kann und mich frage, mit welcher Berechtigung die Leute hier eher etwas abgehoben daher zu kommen scheinen.
Nach einer halben Stunde sehe ich Dominique in Anzug mit suchendem Blick eintreten. Er trägt den Anzug vom Vorabend und mit offener Jacke und beiden Hände in den Hosentaschen läuft er Kaugummi kauend wie seinerzeit Robert Redford als der große Gatsby an der Tanzfläche entlang und einige Stufen die mir gegenüberliegende kleine Tribüne hinauf und schaut weiterhin suchend über die Tanzfläche. Ich vermeide es zu winken, weil mir das alles wie eine alberne Farce erscheint und ich innerlich lachen und nach außen lächeln muss über diesen Auftritt, mit dem ich nicht wirklich in Zusammenhang gebracht werden möchte. Ich stehe weiter an der kleinen Bär, wo ich mein wirklich überteuertes alkoholfreies Bier trinke und abwarte ,was passiert und sehe, wie er eine Frau auffordert und mich dann nach einer halben Runde entdeckt und mir eine Begrüßung von weitem mit den Augen andeutet. Ich merke, ich fühle mich nicht wohl hier und sehne mich nach dem schönen Tangonachmittag in so wirklich freundlicher Umgebung meines ersten Besuchs zurück.
Wenig später kommt Dominique zu mir herüber und wir gehen gemeinsam hinunter zu der Tanzfläche mit den modernen Tangos und er führt mich einige Tänze und dann plaudern wir noch etwas und da es schon spät ist, breche ich ein wenig zu seinem Unverständnis bald auf. Ich werde am nächsten Tag schon um 9.30h losfahren und geschätzt 12 Stunden unterwegs sein und bin schon jetzt erschöpft vom Schlafmangel und viel zu späten Zubettgehen. Ich laufe nach seiner Beschreibung zum Leicestersquare und steige dort in den Bus, der mich fast ganz bis in die Agincourt Road bringt und schlafe gegen 1.00h endlich ein.

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Camden Town

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Skulptur an der Themse

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Tate Britain

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Ansicht gegenüberliegendes Ufer Themse (von Tate Britain aus)

Eindrücke aus der Tate Britain

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21. Mai The Last Journey Nachtrag

Mir gehen noch viel mehr Gedanken durch den Kopf, denn die ganze WG fährt am Freitag und Samstag los auf die Isles of Scilly, etwa 3 Bootsstunden von Penzance entfernt, um dort eine Woche gemeinsam Urlaub zu machen, die Schwestern reisen alle drei und dann noch Ian mit seiner Freundin und vermutlich auch Scott würde ich annehmen.
Die Vorstellung, hier ein Wochenende ganz allein zu verbringen, ängstigt mich doch ziemlich, obwohl es auch gleichzeitig eine Übung wäre für den Fall, wirklich hier zu bleiben für einige Monate und eine entsprechende Unterkunft für mich zu finden, in der ich dann eben auch nicht mehr in diesem bunten WG Leben zuhause wäre.
Dann noch der Montag, meinen Geburtstag hier ganz allein verbringen? – ohje, mir fällt Weihnachten ein und das war schon so deprimierend und Kräfte zehrend, als Zora am zweiten Feiertag starke Schmerzen bekam und sicher schon ihren ersten unentdeckt gebliebenen Bandscheibenvorfall hatte. Es waren schreckliche Tage und Nächte, bei dieser Erinnerung bin ich getröstet, dass sie nun Erleichterung im Tierhimmel gefunden hat. Doch der Schock und die Sorge und Anspannung sitzen noch immer in meinen Knochen.
Nein, ich möchte meinen Geburtstag mit Menschen, die mir nahestehen verleben,nicht hier unten am Meer allein. Auch wenn die Küsten noch so malerisch schön und mystisch sein können und mich sehr in ihren Bann ziehen.

22. Mai The Last Journey Leaving Cornwall

In der Nacht habe ich furchtbare Alpträume und fühle mich mit allen Traumbildern von Berlin unendlich deprimiert. Ich stehe rasch auf und dusche als erste noch ehe die anderen aufgestanden sind. Dann packe ich meine Sachen in aller Ruhe, als es an der Tür klopft und Tiffany verabredungsgemäß ruft, dass sie jetzt zum Yoga geht und wir verabschieden uns und sie lacht und sagt, dass sie heute morgen beim Aufwachen dachte, ach es regnet wieder und als ich vor zwei Tagen schon fahren wollte,hätte es auch geregnet. In meinem Gedächtnis lasse ich die Küchenszene von vor zwei Tagen Revue passieren und erinnere die Regentropfen auf dem Fenster nun auch.
Dann bedanke ich mich bei ihr und entschuldige mich für das Hin und Her mit der Situation, obwohl ich es gar nicht müsste. Doch ich schäme mich für meine Unentschlossenheit, in der ich gerade stecke und sie wirkt nach wie vor irritiert und ich kann es nicht ändern und will es auch nicht. Wir verabschieden und umarmen uns kurz.
Dann geh ich runter und mache mir Brote und bereite alles für die Abreise vor, während Ian und Sam in Ruhe frühstücken und sam irgendwelche Dinge vorbereitet. Am Abend zuvor hatte ich David schon zugesagt, ihn nach Penzance zum Zug mitzunehmen, denn auch er reist heute ab.
Es ist dann doch noch viel mehr zu tun und die Zeit dehnt sich aus. Sam muss los zur Arbeit, verabschiedet sich von uns beiden sehr herzlich und drückt mir einen Umschlag in die Hand und umarmt mich und sagt: ‚So ist das Wetter im Übrigen normalerweise hier‘ und lächelt mich an.
Ian verabschiedet sich einige Minuten später auch und David und ich bleiben allein zurück und trinken noch in Ruhe Tee. Ich muss noch einige Telefonate erledigen, z.B. den Termin beim Jobcenter absagen, die Fähre umbuchen und ich möchte unbedingt noch bei Chris vorbei und mich persönlich verabschieden und schicke ihr eine SMS, ob sie denn zuhause sei. David ist so nett und sagt den Termin beim Jobcenter für mich ab. Die Reservierungsnummer solle ich jedoch aufbewahren für den Fall, dass ich doch noch eine National Insurance Number benötigen würde.
Ich schreibe noch einen Zettel für Sam und Tiffany und bedanke mich bei ihnen für ihre Gastfreundschaft und lege Ihnen passend zum Ambiente eine Tafel Organic Dark Chocolate und mein letztes Glas vegetarischen Brotaufstrich dazu.
Im Umschlag von Sam war eine hübsche Karte mit einer Blumenwiese darauf, in der sie mir alles Gute wünscht für den Rest meiner Reise und zur Erinnerung hat sie mir die kleine Landkarte der direkten Umgebung beigefügt. Ich bin sehr berührt von der Geste, denn mit dieser kleinen Karte begann mein erster Schritt in die Umgebung.
David und ich brechen auf, es regnet noch immer in Strömen, was mir den Abschied ehrlich gesagt erleichtert. Auf dem Weg zu Chris stelle ich fest, dass ich einige von den Silberkügelchen aus dem Ring verloren habe und zeige es David und versuche ihm in Ermangelung entsprechender englischer Fachbegriffe das physikalische Problem zu erklären, das sich durch die Verkleinerung des Rings ergeben hat. Ich bin frustriert, dass sich der Ring äusserlich aufzulösen beginnt. Ich weiss, ich sollte nicht so symbolisch denken, aber es fühlt sich einfach nach erneutem Verlust, nach zwangsläufig dem nächsten Schritt – nach Loslassen müssen, aber nicht wollen an. Ich habe einmal in einem Film den Satz gehört: Nicht das Loslassen, das Festhalten tut so weh Und das stimmt, dennoch scheint es so schwer zu fallen.
Wir erreichen das Haus von Chris nach zwanzig Minuten und sie bittet uns hinein und bietet uns Tee an, während ihr Hund und der ihrer Tochter um uns herumspringen und um die Gunst unserer streichelnden Hände buhlen.
Wir setzen uns und ich erzähle, weshalb ich nun doch früher weg müsste und zeige ihr meinen englischen Lebenslauf, den David für mich aufpoliert hat und sie findet ihn sehr gut.
Ich zeige ihr den Ring mit der Frage, ob eine erneute Reparatur noch möglich sei. Sie wirkt bestürzt und ich höre, wie sehr es ihr leid tut als sie sagt, dass sie das befürchtet habe, dass alles aufbricht dadurch, dass sie den Ring kleiner machen musste. Sie fragt, ob ich ihn dalassen könnte und ich schüttle traurig den Kopf und sage, ich würde ihn lieber mitnehmen wollen. Ich möchte doch Zora bei mir haben, denke ich und die Erschaffung dieses besonderen Schmuckstücks war schon sehr besonders für uns beide. Alternativ könnte ich etwas Asche hier lassen, damit sie einen neuen Ring anfertigen kann, denn dieser hier ließe sich nicht mehr reparieren. Ich hole die rote Kiste mit der Asche aus dem Auto, während Chris ihren Mann Keith bittet, diese noch einmal zu öffnen und etwas Asche zu entnehmen in ihrer Werkstatt. Für mich ist das ok, ich habe den Eindruck, Zora würde sich hier wohlfühlen und so überlasse ich Keith vertrauensvoll die Asche.
Indes sitzen wir drei weiter zusammen inzwischen mit Olivia, der Enkelin, die sich dazugesellt hat.
Chris hört David aufmerksam zu, den sie nach seinem Studium gefragt hat.
Und dann zeigt uns Chris das Fotoalbum, in dem die Fotos sind von ihrer Tochter und dem Schwiegersohn und Olivia, die der Queen die Hand schüttelt sowie dem Prinz of Whales. Die Fotos sind gestochen scharf, obwohl sie sie mit dem Iphone aufgenommen habe, wie sie stolz erklärt. Und ganz ehrlich bin auch ich beeindruckt von der Queen so nah und persönlich auf dem Foto mit der kleinen Olivia. Wenn ich es nicht gewusst hätte, würde ich vermutet haben, es sei eine sehr gute Fotomontage.
Die Zeit ist nun sehr fortgeschritten und Keith kommt auch mit der Asche zurück, als ich David bedeute, dass wir langsam losfahren müssten, um seinen Zug pünktlich zu erreichen.
Chris gibt mir erneut mit auf den Weg, dass ich nicht vergessen solle, dass ich nun hier eine Familie hätte und jederzeit willkommen sei. Ich bedanke mich und umarme sie herzlich, wenngleich ich nicht wage, in diesen Abschied hineinzuspüren aus Angst, wieder weinen zu müssen.
Nun sind wir wirklich spät dran und ich hetze die schmale serpentinenartige Strasse gefährlich schnell nach unten, um David pünktlich zum Zug zu bringen und ärgere mich über unsere Trödelei, weil ich lieber entspannt nach Penzance fahren wollte. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig und verabschieden uns eher nüchtern, obwohl wir doch einige Dinge miteinander geteilt haben in den vergangenen Tagen. Merkwürdig, denke ich, man weiss einfach niemals, was ein anderer Mensch wirklich denken mag.

Es regnet noch immer und ich fahre schnell zur Tankstelle und noch in den Supermarkt, um Dominique in London eine Flasche Merlot mitzubringen. Dann geht die Reise wirklich los und nun muss ich doch weinen, zusammen mit dem Regen, der immer stärker auf die Autoscheiben peitscht.

BBC 2 ist mein neuer Lieblingssender, denn er schickt mich wieder zurück in meine Jugend mit all den Titeln, die ich noch heute mitsingen kann. Der Regen ist teilweise so heftig, dass ich kaum mehr als 70/80 kmh fahren kann. Und dann kurz hinter Exeter reist die Wolkendecke auf, als hätte ein heftiger Wind sie einfach weggeblasen und ich sehe die Sonne und den blauen Himmel und freue mich über das Wechselspiel zwischen tiefhängenden dunkelgrauen Regenwolken und der Sonne, die weit dahinter wie ein Lichtstrahl einen schmalen Streifen am Horizont unter den Wolken erhellt. Die Landschaft erlangt durch dieses intensive Licht eine Tiefe wie bei einem Gewitter und ich muss an die Bilder Friedrich Schinkels denken und stelle mir vor, wie er hier inspiriert von der Landschaft und dem Wetter gemalt hat. Ich erinnere mich an die Bilder in der Schinkelausstellung im vorletzten Jahr im Kulturforum, die ich mindestens fünfmal besuchte und jedes Mal wieder neue Details entdecken konnte.

Gegen kurz vor fünf erreiche ich Stonehenge, wieder zu spät für einen Einlass, der noch lohnen würde, denn der Fussweg beträgt 30 Minuten und ich müsste mich schnell entschließen und könnte für insgesamt fast 15 £ Eintritt ich mit der letzten Minibahn rüberfahren und eine Stunde später käme ich zurück, doch ich bin viel zu müde und entscheide, lieber weiterzufahren und endlich anzukommen.

Ich habe den Eindruck quer durch Somerset zu fahren durch diese wunderschöne hügelige Landschaft mit kleinen englischen Farmen. Alles wirkt so ordentlich und gemütlich aber weniger bürgerlich. Bis London verfahre ich mich noch einmal, als Schloss Windsor ausgeschildert ist und ich dem Schild neugierig folge und am Bedford College lande nach einer weiteren Umgehung und das Gefühl habe, noch lange hierbleiben zu wollen, um alles ansehen zu können.

Nach einer weiteren Stunde erreiche ich London und bis ich Hampstead Heath erreiche, ist es bereits fast 21.00h und ich bin nach beinahe 8 stündiger Reisezeit total erschöpft.

Dieser nördliche Teil von Camden Town ist sehr schön, alte Häuser, nette Läden, es wirkt sehr ansprechend Ich freu mich auf den nächsten Tag, um die Gegend zu erkunden und muss früh aufstehen, um den Wagen aus der Anwohnerzone rechtzeitig zu entfernen. Und so geh ich lieber zu Bett, anstatt mit Dominique zu einer Milonga aufzubrechen, wie er mir bei meiner Ankunft vorschlägt.
Kurz vor Mitternacht schlafe ich traumlos ein.

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21. Mai The Last Journey Kalte Füsse und Heimweh

Meine Nacht war viel zu kurz und das flaue Gefühl ist immer noch nicht weg. Gestern Abend nach meinem Einkauf war ich noch bei der Silberschmiedin und habe ihr Blumen und eine Falsche Merlot vorbeigebracht. Wir habe uns wie immer festgequatscht bei einer Tasse Tee und sie hat sich beinahe aufgeregt, dass ich einen Putzjob annehmen möchte. Sie meinte, allein mit meinen Fremdsprachenkenntnissen könnte ich doch viel mehr anfangen – das war einmal vor vielen Jahren mein Plan, doch mein persönliches Self-Marketing reicht dafür nicht wirklich aus. Sie ruft ihre jüngere Tochter an, die auch auf dem Gelände wohnt, weil in deren Krankenhausverwaltung gerade Aushilfen gesucht würden und so will sie mir gleich am folgenden Tag die entsprechenden Informationen weiterleiten.

Nach dem Frühstück versuche ich zunächst Lesley zu erreichen und sage schließlich ihrem Mann bescheid, dass ich am Samstag um 8.30h da wäre.
Dann schreibe ich weiter am Blog, als David aufsteht und auch frühstückt. Inzwischen ist die Email von Chris‘ Tochter Lottie eingetroffen und ich lese mir die Anforderungen durch. Im Grunde alles Anforderungen, denen mein Profil entsprechen könnte. Und ich versuche, online eine Bewerbung abzuschicken, was jedoch aus technischen Gründen mit dem Ipad nicht zu funktionieren scheint. David ist so freundlich und bietet mir sein Laptop an und ich schicke ihm meinen Lebenslauf per Email. Er schaut ihn sich an und als er mir seine Unterlagen zeigt, um die Form einmal zu vergleichen, stellen wir fest, dass mein Lebenslauf quasi nach englischem Vorbild voller Lücken ist. David macht sich die Mühe und stylt und formuliert ihn entsprechend um und dann laden wir ihn hoch. Und dann wird auch noch ein Anschreiben verlangt, eine Art Motivationsschreiben. Draußen scheint inzwischen wieder die Sonne und wir vertrödeln hier drinnen unseren Tag mit blödsinniger Bürokratie – ich glaube, ich hab mich in meinem Leben nur dreimal irgendwo beworben und hatte meine Jobs entweder lange oder hab mich telefonisch beworben und einfach einen Lebenslauf abgeschickt. Ich strebe keine weitere Karriere an, mir geht es lediglich um einen Job, um meine Zeit hier eventuell noch etwas zu strecken.
David ist total lieb, er zaubert ein hervorragendes Motivationsschreiben aufs Display und auf meinen überschwänglichen Dank hin, erklärt er ganz lakonisch, dass er wenigstens das gründlich in der Uni gelernt hätte.

Und obwohl wir so viel Zeit darauf verwendet haben, erzähle ich ihm,dass ich unsicher sei und am Vorabend eine Email von einer Bekannten erhalten hätte, die mich sehr nachdenklich gestimmt habe. Unter anderem stand darin, ob ich nicht meine Familie in Berlin bzw. meine Freunde vermissen würde und dass sie eine Freundin habe, die auch in ein anderes Land gegangen sei, dort auch alles schön fände, jedoch nie wirklich ganz aufgenommen worden sei und daher ihre alten gewachsenen sozialen Kontakte sehr vermissen würde. Das arbeitet sehr in mir nach und ich frage David, ob er noch Lust hätte, mit mir eine Entscheidungsfindung zu machen, bei der ich seine Hilfe bräuchte.
Es ist eine ganz einfache Methode, bei der man jeweils auf einen Zettel eine Option schreibt. Dann legt man die Zettel auf den Boden und stellt sich darauf und spürt einfach, wie es sich anfühlt und das spricht man dann laut aus und die andere Person im Raum hört sich das ohne Kommentar an. In diesem Fall habe ich vier verschiedene Zettel benötigt und David hat zu jedem Zettel einige Stichpunkte notiert von meinen Worten.
Das Ergebnis war eigentlich ganz klar: Berlin und ein weiteres Studium fühlte sich am besten an und schon fühlte ich mich besser und nicht mehr flau und dachte, dass ist jetzt zwar alles blöd mit meinem Hin und Her, aber ich muss das tun, wonach mir ist. Er ist sehr angetan von dieser Form der Entscheidungsfindung und irgendwie bindet das auch ein wenig.

Jetzt ist es schon gleich 14.30h und ich schlage ihm vor, dass wir doch jetzt vielleicht noch in Treen einen Kaffee trinken könnten und wir fahren mit dem Auto rüber, da ich anschließend noch ein paar Dinge in Penzance erledigen muss.
Wir treffen auch nochmal Pat und Jenny, deren kleine Werkstatt direkt gegenüber vom Cafe liegt. Sie wirken allerdings sehr geschäftig und eher etwas verschlossen und Pat schaut nochmal etwas später aus ihrem Vorgarten einige Male neugierig zu mir und David herüber, da wir noch Kaffee trinken. Ich registriere das eigentlich nur nebenbei und finde das im Nachhinein sehr merkwürdig und es erinnert mich ungemein an diese typische Art von Menschen in einem Dorf, in dem nicht viel geschieht – doch eigentlich sind in Treen ständig Touristen zu dieser Jahreszeit.
David erzählt von seinem Studium und dass er nach seinem 3 jährigen Jurastudium erstmalig nochmals 1 ganzes Jahr an die Uni soll, um eine Art Aufbaustudium zu machen, das seit neuestem Pflicht ist vor den Praxisjahren in einer Anwaltskanzlei. Dieses eine Jahr soll zusätzlich nochmal 12.000£ kosten. Das Geld habe er nicht und er wäre jetzt schon so hoch verschuldet durch sein dreijähriges Studium, dass er den Sinn nicht sehen würde.
Gegen 15.30h tritt er den Rückweg zu Fuss über die Felder an und ich fahre mit dem Auto los in die ‚Stadt‘. Ich laufe nach meinen Erledigungen noch etwas herum, sehe mir die verschiedenen Maklerangebote und die Preise an. Ich bin erstaunt, wie hochpreisig selbst völlig verwahrlost wirkende Häuser noch durchgehen.
Als ich zurückkehre, ist David noch da und macht sich ein paar Sandwiches, weil er gleich zum dritten Mal ins Mick will und mich fragt, ob ich auch mitmöchte, doch mir ist es zu kalt und ich möchte lieber packen und schreibe Lesley noch schnell eine Email, die sehr verständnisvoll reagiert.

Später am Abend, als alle wieder da sind, eröffne ich meine neueste Entscheidung und dass ich am nächsten Tag nach London und von dort aus am Samstag weiter nach Berlin reisen würde.Tiffany trägt wieder ihr irritiertes Lächeln im Gesicht und ich sehe, dass sie angesichts so vieler Umentscheidungen das Verständnis verliert – verständlicherweise. Aber alle sind nett und niemand macht mir Vorwürfe oder drängt mich. Sam ist total lieb und sagt, dass sie sich doch irgendwie schon an mich gewöhnt hätten und ich erwidere nur, dass ich sicher wiederkäme und einfach erstmal mein Leben zuhause regeln müsste.
Ich rede noch eine Weile mit David nach dem Minack und er erzählt von de interessanten Theaterstück über die Seele eines verstorbenen Königs, die ein tapferer Ritter sucht, um sie zu vernichten und selbst König zu werden. Dann gehen wir beiden als letzte zu Bett.

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